E-Mail vom 23.08.2005, 22:13 Uhr, an info@figu.org        Veröffentlichung am 16.09.2006

 

 

MeierWalkiw.doc                                                                                  Berlin, den 23.08.05

 

Von Werner Grundmann

                                              

an Eduard Meier

Rebecca Walkiw

 

Sehr geehrter Herr Meier,

im Sonder-Bulletin Nr. 21 vom August 2005 veröffentlichte die FIGU einen zehnseitigen Beitrag von Frau Rebecca Walkiw aus Deutschland. Ich brauchte Zeit, um ihre Ausführungen einordnen zu können; doch bis heute konnte ich nicht verstehen, warum die FIGU den Beitrag veröffentlicht hat.

 

Erst am Ende ihrer umfangreichen Darlegungen sagt uns Frau Walkiw, dass es ihr um die Einführung „einer direkten Volksdemokratie mit Volksentscheiden“ geht, um „das Ruder selbst in die Hand zu nehmen“. Sie verschweigt uns allerdings, mit wem sie dies realisieren und wie sie die „wahren demokratischen Volksentscheide“ in einem Land durchsetzen will, dessen „parlamentarische Demokratie“ gar keine Volksentscheide zulässt. Wer sind jene „wir Menschen“, in deren Namen sie vorgibt zu sprechen? Wie sind sie organisiert oder wie wollen sie sich organisieren? Und wie ist Frau Walkiw selbst erreichbar, damit sich Interessierende ihr anschließen können?

 

Frau Walkiw sagt uns mit vielen Worten, welch großartige Ziele sie anstrebt, auf welch demokratische Weise sie diese erreichen will, aber sie hat sich offensichtlich selbst noch nicht die Frage beantwortet, ob überhaupt die Voraussetzungen bestehen bzw. welche geschaffen werden müssen, um ihre Ziele realisieren zu können. Ich frage mich zudem, inwieweit sie  erkannt hat, dass alle bürgerlichen Demokratien insofern nur Scheindemokratien sind, weil es in keinem kapitalistischen Land der Erde möglich ist, über das in diesen Ländern Dominierende demokratisch zu entscheiden, nämlich über den Einsatz der riesigen privaten Kapitalvermögen, die in den Banken und Versicherungen konzentriert sind, sowie über die Ausrichtung der Wirtschaft und die Nutzung ihrer Kapazitäten. Ist es z. B. auf demokratische Weise möglich, die Autoproduktion in Deutschland und den USA zu stoppen sowie die massenhafte Nutzung von Autos einzudämmen, um auf diese Weise entscheidend beizutragen, den Klimakollaps zu verhindern? Frau Walkiw berücksichtigt nicht, dass die wahre Macht von den im Hintergrund agierenden grauen Eminenzen der Wirtschaft und der Banken ausgeht, die sich die Politiker und ihre Helfer kaufen. Sie übergeht, dass es in jedem kapitalistischen Land einen Machtapparat von Beamten, Polizisten und Militärs gibt, der die herrschende parlamentarische Staatsform und ihre tragenden Repräsentanten stützt. Wenn sie schreibt, dass „für die Unterdrücker und Ausbeuter der Arbeitnehmer“ (was sie auf Seite 21 mit den „Arbeitgebern“ verwechselt) „in Europa die Tage gezählt [sind]“, dann ruft dies bei jenen, die die Machtverhältnisse kennen und sie zu missbrauchen wissen, nur ein Lächeln hervor. Wie will sie etwa gegen jene US-Militärs vorgehen, die sich im Nahen Osten mit Gewalt und provozierten Kriegen den Zugang zum Öl verschaffen, um die Milliardenprofite der Erdölkonzerne zu sichern? Geht sie nach den Wahlfälschungen in den USA wirklich davon aus, dass die Mächtigen dieses Landes und anderer Länder, die zugleich die Macht über die Medien zur Manipulierung der Massen besitzen, einer Organisation von Idealisten die Möglichkeit geben, ihre Idee „wahrer demokratischer Volksentscheide“ überhaupt zu verbreiten? Wie will folglich Frau Walkiw zu einer wahren Volksvertretung kommen, die nicht primär von den Interessen der Reichen und Wohlhabenden ausgeht? Und wie will sie darüber hinaus den Demokratisierungsprozess internationalisieren, um etwa den Menschen der Dritten Welt die Möglichkeit zu geben, über die Umverteilung des irdischen Reichtums mit zu entscheiden oder gar Wiedergutmachung von den reichen Ländern für Vernichtung, Versklavung, Vertreibung, Ausplünderung und Ausbeutung der vergangenen Jahrhunderte zu fordern? Unterstellt sie wirklich, dass ein demokratisches Wunder und menschliche Einsicht auf dem Ausnahmeplaneten Erde das auszugleichen vermag, was sich im Verlaufe von Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden an Gegensätzen und Widersprüchen zugespitzt hat?

 

Selbstverständlich werden die Ziele von Frau Walkiw von vielen aufrechten, demokratisch gesinnten Menschen unterstützt; doch sie schwebt über der gesellschaftlichen Realität und verkennt deren Existenzbedingungen. Ihr ist nicht bewusst, dass eben diese Existenzbedingungen maßgebend sind und dass nur deren grundlegende Veränderung es ermöglichen könnte, ihre weitreichenden Ziele durchzusetzen.

 

Die kapitalistische Gesellschaft basiert auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln und dem Privatbesitz an Natur. Die Gewinninteressen von irgendwelchen (öffentlich unbekannten) „Investoren“, u. a. von 700'000 deutschen Geldmillionären (!), entscheidet über die Ausrichtung der Produktion und über die Art der Naturausplünderung. Die Konkurrenz zwischen den Unternehmen und den Kapitalgesellschaften verschärft die Ausbeutung. Alle Beteiligten, sowohl die „Arbeitgeber“ als auch die „Arbeitnehmer“, sind in dem gesellschaftlichen System gefangen, aus dem sie nicht ausbrechen können, wenn sie als Personen oder als „Investoren“ überleben wollen. Die „Unterdrücker und Ausbeuter“ werden von diesem System „geschaffen“. In ihm braucht es keine Diktatoren zu geben, weil sich das System selbst trägt und weil es nur einen „Diktator“ gibt, der alles beherrscht: das Kapital! Kennt Frau Walkiw nicht den simplen Spruch „Geld regiert die Welt“ – zumindest die unsere?

 

Frau Walkiw möchte zwar Mindestlöhne und Höchstlöhne festlegen, Arbeitslöhne angleichen usw.; doch an das Grundübel der Beseitigung des riesigen privaten Reichtums, der die Voraussetzung für Ausbeutung und Unterdrückung ist, der entscheidend beiträgt, die existenziellen Lebensgrundlagen der Erdenmenschheit zu zerstören, geht Frau Walkiw nicht heran. Insofern gibt es in ihren teils sehr wertvollen Ausführungen einen eklatanten Widerspruch: Ihre Ziele könnten Inhalt einer kommunistischen Gesellschaft sein, die auf Gemeineigentum und Gemeinbesitz basiert; doch ihre Kritik schließt genau die Schaffung dieser Voraussetzungen aus, wodurch all ihre Bemühungen prinzipiell wirkungslos bleiben müssen. Die Voraussetzungen für die Realisierung wahrer demokratischer Verhältnisse sind erst noch zu schaffen. Ob dies ohne weltweite revolutionäre Umwälzungen vor sich gehen kann, möchte ich bezweifeln. Ich meine dies nicht im Sinne einer bewaffneten Revolution, sondern durch das weltweite Unterbinden des Zuflusses und Abflusses von Kapital auf jene Konten, die der weltweiten Beherrschung der Märkte und der Machtausübung unter Nutzung und Missbrauch des Internets dienen. In Anbetracht der Verschärfung der ökologischen Krise könnte der Eingriff in den Reichtumsfluss des Internets zu einer zwingend notwendigen Maßnahme zur Existenzerhaltung der irdischen Menschheit werden. Dies zu realisieren, ist auf demokratischem Wege nur innerhalb einer solchen Organisation durchsetzbar, die sich für die Menschheit als verantwortlich betrachtet und entsprechend qualifiziert ist, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

 

In OM sind auf Seite 64 im Kanon 24 Vorschläge zur Reichtumsbeschränkung eines Menschen auf insgesamt 70'000 Lot Silber und des Wertes der Habe eines Menschen gleichfalls auf 70'000 Lot Silber aufgeführt. Darüber hinausgehender Reichtum soll in die Gemeinschaft des Volkes übergehen. Diese Hinweise zeigen einerseits indirekt die außerordentlich lange ökonomische Fehlentwicklung auf der Erde, die das Entstehen von Milliardenvermögen zuließ; andererseits verweisen sie auf die gesellschaftliche Fehlentwicklung, die die Durchsetzung einer solchen Orientierung heute verhindert.

 

Der zwar mit großer Verantwortung verfasste, jedoch abgehobene Beitrag von Rebecca Walkiw steht im Gegensatz zu vielen äußerst wertvollen Darlegungen in den FIGU-Bulletins. Er bezeugt leider eine auf mögliche gesellschaftliche Veränderungen bezogene Naivität der Autorin.

 

Bitte prüfen Sie meine Argumente, auch um künftig realistischeren Autoren Raum zu geben.

 

Mit außerordentlicher Hochachtung und den besten Wünschen

 

Werner Grundmann                 Berlin, den 23.08.05, 22:05 Uhr