E-Mail vom 02.02.2008, 21:01Uhr, an info@figu.org sowie (über Cc:) an de@figu.org

Veröffentlichung: am 02.02.2008

 

Von Werner Grundmann                          Berlin, den 2. Februar 2008

 
an alle Mitglieder der FIGU
 
 
Liebe Mitglieder der FIGU,
         nachfolgend erhalten Sie die Kopie einer E-Mail an Oskar Lafontaine, die sich mit der Fragwürdigkeit des Begriffes Nachhaltigkeit und den sich daraus ergebenden Konsequenzen befasst. Ich habe die E-Mail heute bereits an 12 Politiker und Wissenschaftler der LINKEN weitergeleitet.
Bitte prüfen Sie meine Ausführungen auf der beigefügten Datei Nachhaltigkeit.doc
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Werner Grundmann                   Berlin, den 02.02.2008, 20:55 Uhr

 

 
######################## Beginn der E-Mail an Oskar Lafontaine
 

Von Werner Grundmann                                                 Berlin, den 2. Februar 2008

... 

 

An den

Vorsitzenden der Partei DIE LINKE

Genossen Oskar Lafontaine

und an

Genossen Thomas Lutze

Bürgerbüro Saarlouis

 

These zur Nachhaltigkeit

– Zur Fragwürdigkeit des Begriffes Nachhaltigkeit

 

Sehr geehrte Genossen Lafontaine und Lutze,

         beigefügt erhalten Sie in Form der Datei Nachhaltigkeit.doc im Umfange von drei Seiten eine "These zur Nachhaltigkeit" sowie die Begründung zur Fragwürdigkeit des Begriffes "Nachhaltigkeit". Die These besagt:

 

>> Der Versuch, unter kapitalistischen Bedingungen eine nachhaltige Entwicklung anzustreben, kann nicht mehr erbringen, als die tendenzielle Zerstörung der irdischen Lebensgrundlagen zu bremsen. Der Versuch, über einen sozialistischen Weg weltweit Nachhaltigkeit zu erreichen, ist nach den historischen Erfahrungen infolge der wirtschaftlichen Konkurrenz zum kapitalistischen System unrealistisch. Er führte zur Restauration kapitalistischer Verhältnisse. Zudem würde er eine Dominanz der Lösung der ökologischen gegenüber der Lösung der sozialen Frage erfordern, was dem Grundgedanken des Sozialismus widerspricht. <<

 

In der Begründung der These gehe ich von der Frage aus, ob die ökologische Krise primär systembedingt oder fortschrittsbedingt ist, ferner ob das kapitalistische System weltweit beherrschbar ist oder ob die kapitalistische Entwicklung tendenziell zur Zerstörung der Existenzgrundlagen der Menschheit führt.

 

Ich habe die dreiseitige Ausarbeitung während meiner Teilnahme an der Beratung des "Gesprächskreises Nachhaltigkeit" der Rosa-Luxemburg-Stiftung am 1. Februar 2008 an Gesprächsteilnehmer verteilt.

 

Mit solidarischen Grüßen

 

Werner Grundmann                       Berlin, den 02.02.2008, 13:34 Uhr

 

######################## Ende der E-Mail an Oskar Lafontaine

 

+++++++++++++++++++++ Beginn der beigefügten Datei

Werner Grundmann                                                                                Berlin, den 02.02.2008

These zur Nachhaltigkeit

These zur Nachhaltigkeit: Der Versuch, unter kapitalistischen Bedingungen eine nachhaltige Entwicklung anzustreben, kann nicht mehr erbringen, als die tendenzielle Zerstörung der irdischen Lebensgrundlagen zu bremsen. Der Versuch, über einen sozialistischen Weg weltweit Nachhaltigkeit zu erreichen, ist nach den historischen Erfahrungen infolge der wirtschaftlichen Konkurrenz zum kapitalistischen System unrealistisch. Er führte zur Restauration kapitalistischer Verhältnisse. Zudem würde er eine Dominanz der Lösung der ökologischen gegenüber der Lösung der sozialen Frage erfordern, was dem Grundgedanken des Sozialismus widerspricht.

Begründung:

- Die Bestätigung der „These zur Nachhaltigkeit“ leitet sich erstens aus der Beantwortung der Frage ab, ob die ökologische Krise primär systembedingt oder fortschrittsbedingt ist, zweitens aus der Antwort auf die Frage, ob das kapitalistische System weltweit beherrschbar ist oder ob die kapitalistische Entwicklung tendenziell zur Zerstörung der Existenzgrundlagen der Menschheit führt.

- Auf der Basis der privaten Eigentums- und Besitzverhältnisse vollzieht sich die kapitalistische Entwicklung unter der Dominanz des Kapitals als profitorientiertes Weltwirtschaftsystems in Eigenentwicklung. Es kann im gegebenen Rahmen zwar durch Eingriffe in der Entwicklungsrichtung beeinflusst, aber die Gesamtentwicklung tendenziell nicht aufgehoben werden. Es ist damit nicht beherrschbar. Im Gegenteil: Die als „frei“ gepriesene, alles über den Markt regelnde Wirtschaft wird zum Bumerang! Weil sie sich auf marktrelevante Erzeugnisse und Leistungen beschränkt, zugleich aber auf Kosten und zu Lasten des nicht marktgebundenen Lebens agiert, zerstört sie tendenziell die eigenen Existenzgrundlagen und die der gesamten Menschheit. Auf diese Weise wird das Kapital auch ohne Diktatoren zum absoluten Herrscher über die Menschheit.

- Wer davon ausgeht, dass die ökologische Krise allgemein fortschrittsbedingt ist, schaue sich die derzeitige Entwicklung in der Volksrepublik China an, die in Konkurrenz zur kapitalistischen Markwirtschaft nicht nur zur Kapitalisierung und zu starker Ausbeutung geführt hat, sondern zugleich zu extremer Schädigung und Belastung der eigenen und der irdischen Lebenswelt. Insofern schließt der große Wirtschaftsaufschwung der Volksrepublik China zugleich eine Bereicherung zu Lasten der Nachwelt ein. Die Volksrepublik China entwickelt sich schleichend von einer sozialistischen zu einer Bereicherung- und Verarmungsgesellschaft im umfassenden Sinne – so wie dies die führenden kapitalistischen Staaten vorleben!

- Sowohl die gescheiterten sozialistischen Staaten Europas als auch die Entwicklung der sozialistischen („kommunistischen“) Staaten Asien zeigen, dass die Planwirtschaft in Konkurrenz zur Marktwirtschaft auf unterschiedliche Weise zur Restauration kapitalistischer Verhältnisse zurückführt. Die Ursache liegt u. a. darin, dass unter den Bedingungen der „freien“ Marktwirtschaft insbesondere in Ländern der Dritten Welt die Ausbeutung von Menschen, die Ausplünderung natürlicher „Ressourcen“ und die Schädigung ihrer Lebenswelt skrupellos durchgeführt realisiert werden kann.

- Durch die an die kapitalistische Wirtschaft angepasste Ökonomie geriet auch die Planwirtschaft in eine ökologische Falle. Heute wird dies insbesondere in Venezuela unter Hugo Chavez deutlich, der die Erdölressourcen seines Landes zur Verbesserung der sozialen Lage der Bevölkerung Venezuelas nutzt. Entscheidend ist in diesem Falle, dass die Lösung der sozialen Frage zur Verschärfung der ökologischen Krise beiträgt und letztlich zu Lasten des Existenziellen erfolgt.

- Hinter der dargelegten Problematik verbirgt sich die Gleichsetzung von Ökonomie und Wirtschaftlichkeit! Um als Menschheit zu überleben, brauchen wir eine zur Wirtschaftlichkeit gegensätzliche Ökonomie, die nicht an Geld gebunden ist und dem beschleunigten Naturverbrauch entgegenwirkt. Unser Naturverbrauch äußert sich im Warenüberfluss in den Konsumtempeln der „reichen“ Länder einerseits und in der Armut und dem Hunger besonders in den Ländern der Dritten Welt andererseits! Deshalb brauchen wir eine Ökonomie, die keine Wegwerfideologie kennt. Unter einer solchen Ökonomie verstehe ich rationelle Bedürfnisbefriedigung im umfassenden Sinne. Es gilt, den gesunden Menschenverstand im ökonomischen Denken und Verhalten durchzusetzen!

- Wer den sozialistischen Weg weiter gehen will, muss sich beantworten, ob für ihn weiterhin das „ökonomische Grundgesetz“ im Sinne der „ständig besseren Befriedigung der materiellen und kulturellen Bedürfnisse“ gelten soll und wie er gedenkt, das Primat der Lösung der sozialen Frage trotz der fortgeschrittenen Zerstörung der irdischen Lebensgrundlagen weltweit aufrecht zu erhalten. Er sollte sich fragen, ob auf der Basis der heutigen Produktionsweise bereits die weltweite Lösung der sozialen Frage zum ökologischen Kollaps führen könnte. Er sollte sich auch fragen, wie die Sozialisten in Konkurrenz zur Marktwirtschaft zu besseren Lösungen finden könnten als ihre gescheiterten Vorgänger und welche Stellung die Lösung der ökologischen im Vergleich zur Lösung der sozialen Frage einnehmen sollte. Ist die Lösung der sozialen Frage bereits der Sozialismus des 21. Jahrhunderts? Welche „sozialistische“ Ökonomie kann zum Ziel führen, ohne dass sich die Sozialisten weiter an der Verschärfung der ökologischen Krise beteiligen? Und was unternehmen die Sozialisten in den kapitalistischen Ländern, damit die Klimakatastrophe prinzipiell verhindert werden kann? 

- Von welchem theoretischen Fundament gehen die Sozialisten des 21. Jahrhunderts aus? Setzen sie bei Lenin neu an oder bei Marx? Oder wird an einem neuen theoretischen Fundament gearbeitet? Ist die Marxsche Lehre der historischen Abfolge von ökonomischen Gesellschaftsformationen ad acta gelegt? Oder ist der Weg, jener Kampf um die Nachhaltigkeit, das Ziel?

- Die Nachhaltigkeit könnte sich als gebremste Negativentwicklung erweisen! Wir bremsen so lang und so stark, damit uns die apokalyptische Katastrophe nicht mehr betrifft! Nach uns die Sintflut oder richtiger: nach uns der Weltbrand! Der Gedanke, unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen eine nachhaltige Entwicklung tatsächlich erreichen zu können, ist für mich in höchstem Maße fragwürdig! Er könnte aus einer prokapitalistischen oder auch aus einer prosozialistischen Denkweise resultieren. Meine Überzeugung ist, dass Konkurrenzökonomien jeglicher Form tendenziell zur Verschärfung der ökologischen Krise führen, d. h. die ökologische Krise ist gesellschaftlich bedingt!

- Wenn Konkurrenzökonomien mit der Sicherung von Nachhaltigkeit unvereinbar sind, wenn zudem der sozialistische Weg unter Nutzung einer Konkurrenzökonomie zur Restauration kapitalistischer Verhältnisse führt, wird auch der Grundgedanke des Wissenschaftlichen Sozialismus fragwürdig. Dies ist aber insofern nicht verwunderlich, weil die Sozialisten die Existenz der ökologische Krise von Anfang an und während des gesamten 20. Jahrhunderts verdrängt haben und statt dessen von der Beherrschbarkeit der Natur sprachen, und dies obgleich Karl Marx in seinen „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844“ den Kommunismus als „die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen“ bezeichnete (vgl. MEW, Ergänzungsband, Erster Teil, Berlin 1968, S. 536). Weil Karl Marx in seinem Spätwerk zur „Naturfrage“ nicht zurückfand, haben seine geistigen Nachfolger in Verabsolutierung seines philosophischen, historischen und ökonomischen Werks den „Marxismus“ als vorgeblich eigenständige Wissenschaft kreiert und über 150 Jahre lang die Erweiterung der von Marx und Engels geschaffenen wissenschaftlichen Grundlagen für eine nachkapitalistische Ordnung unter Einbeziehung der ökologischen Problematik versäumt.

- Doch damit fanden die Marxisten und die Marxisten-Leninisten auch nicht zur Konsequenz, den Kapitalismus im umfassenden Sinne als Bereicherungs-, Ausbeutungs-, Verarmungs- und Selbstvernichtungsgesellschaft zu beschreiben. Es war ein schwerwiegendes Versäumnis, die Bereicherung durch die Ausplünderung und Belastung der Natur, also die Verarmung unserer Lebensgrundlagen, als gesellschaftspolitische Problematik zu negieren! Wir alle, ob unter kapitalistischen oder sozialistischen Bedingungen, lebten und leben auf Kosten nachfolgender Generationen!

- Aus den genannten Gründen folgt, dass – wie Oskar Lafontaine auf dem Gründungsparteitag der LINKEN im Juni 2007 betonte – die Systemfrage durch die ökologische Frage gestellt wird. Entweder wir finden einen Weg zur weltweiten Ablösung des kapitalistischen Systems von innen oder wir gehen mit ihm unter!

- Aus den Darlegungen folgt weiter, dass die Begriffe Nachhaltigkeit und Sozialismus im Parteiprogramm der LINKEN gemieden werden sollten. Besser wäre es, von der schrittweisen Schaffung einer nachkapitalistischen Ordnung zu sprechen, von einer langfristig anzustrebenden Weltgemeinschaftsordnung unter einheitlicher Lösung der ökologischen und sozialen Frage. Und wir sollten uns in Anbetracht des fortschreitenden Klimawandels klar dazu bekennen, dass die Bewältigung der ökologischen Krise aus existenziellen Gründen alles andere dominieren muss.

- Um das Ziel zu erreichen, brauchen wir unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen einen neuen ökonomischen Ansatz, der Ökonomie nicht gewinnorientiert, sondern bedürfnisorientiert definiert und generell vom Grundgedanken der Gemeinschaftlichkeit im höchstmöglichen Sinne ausgeht, einschließlich der Gemeinschaftlichkeit mit der Natur, die unsere Existenzgrundlage darstellt. Wir sollten deshalb von unserer Lebenswelt sprechen und den egozentrischen Begriff Umwelt weitgehend meiden. Im Rahmen des Gemeinschaftsdenkens wären die entscheidenden Begriffe (eingeschränkter) Gemeinbesitz an Natur, Gemeineigentum und Gemeinschaftsökonomie im Sinne rationeller Bedürfnisbefriedigung. Um die Schaffung einer nachkapitalistischen Gemeinschaftsordnung schrittweise anzustreben, schlage ich vor, mit der Schaffung von Zellen der Gemeinschaftsökonomie zu beginnen.

Eine Begründung für den Aufbau einer nachkapitalistischen Ordnung habe ich in den

Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“

über meine Homepage http://www.bwgrundmann.de auf 70 Seiten veröffentlicht, ebenso auf zehn Seiten die „Erkenntnisse aus den Berliner Thesen für eine nachkapitalistische Gemeinschaftsordnung“, zum Download verfügbar unter http://www.bwgrundmann.de/erk_bt.htm.

Dipl.-Wirtsch.-Math. Werner Grundmann                          wbgrundmann@online.de

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